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Das verkaufte Glück

Leseprobe

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Der elfjährige Jacob und sein neunjähriger Bruder Kilian leben mit ihren Eltern und weiteren Geschwistern in einem Tiroler Dorf. Weil zu Hause nicht mehr alle satt werden, müssen die beiden Buben „vom Tisch“. An einem Wintermorgen machen sie sich auf den langen und beschwerlicher Weg zum „Kindermarkt“ in Ravensburg. Unterwegs müssen sie um Essen und Unterkunft betteln. Im Schwabenland erwartet sie harte körperliche Arbeit, einige Kinder werden von den Bauern geschlagen. Obwohl Jakob gut behandelt wird, plagen ihn Heimweh und die Sorge um seinen Bruder. Er beginnt sich Fragen zu stellen: Warum sind wir arm und andere haben mehr als genug? Wieso geht es in der Welt nicht gerechter zu?

Im November dürfen Jakob und Kilian wieder nach Hause. Doch die Zeit in der Fremde hat ihre Spuren hinterlassen.
Vom 16. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das „Schwabengehen“ eine kaum hinterfragte Praxis. Kinder aus den armen Alpenregionen wanderten ins wohlhabende Oberschwaben. Dort mussten sie von März bis Oktober auf den Bauernhöfen arbeiten. 
Der Roman erzählt von einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte  – aktuell sind die Themen Kinderarmut und Kinderarbeit in vielen Ländern noch heute.

 

Es war noch dunkel, als aus etlichen Häusern und Hütten Kinder traten und sich auf den Weg zur Kirche machten. Die meisten wurden vom Vater oder von der Mutter begleitet, einige von beiden.
Hermine Ambross verabschiedete sich noch im Haus von Jakob und Kilian. Sie drückte beide so fest an sich, dass sie ihren dicken Bauch deutlich spürten. "Pass auf deinen Bruder auf", sagte sie zu Jakob. "Und auf dich auch."
Jakob nickte stumm.
Franz Ambross hatte die Rucksäcke, die seine Frau aus zwei alten Kartoffelsäcken geschneidert hatte, über die Schulter gehängt und stand schon vor der Tür. "Wir müssen gehen!" 
"Behüt euch Gott", sagte die Mutter, ließ ihre Buben los, drehte sich schnell um und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Jakob und Kilian folgten ihrem Vater zur Kirche. Der fast volle Mond leuchtete am sternklaren Himmel und wies ihnen den Weg. Nach und nach trafen die zwölf Galtürer Kinder, die dieses Jahr ins Schwabenland mussten, vor der Kirche ein. Dort wurden sie von Josef Gruber erwartet. Der große, hagere Mann war Mesmer und Totengräber in einem. Er hatte die Kinder schon in den vergangenen drei Jahren ins Schwabenland geführt.
Neben ihm stand der Pfarrer. "Ihr habt einen langen Weg vor euch", sagte er zu den Kindern. "Damit ihn alle schaffen, müsst ihr auf das hören, was der Sepp sagt. Und ihr müsst euch gegenseitig helfen. Das ist ganz wichtig! Und noch etwas: Im Schwabenland gibt's Leute, die evangelisch sind. Ihr wisst, das sind keine richtigen Christen. Zu solchen Leuten dürft ihr nicht gehen. Ihr dürft nur für gute Katholiken arbeiten und ihr müsst auch im Schwabenland am Sonntag immer in die Kirche ..."
Während der Pfarrer redete, kam ein Pferdefuhrwerk angefahren. Auf dem Leiterwagen saßen sechs Kinder aus dem Nachbardorf Tschafein.
"Brrr!", rief der Fuhrmann und zog an den Zügeln.
Die zwei Pferde blieben stehen und schnaubten.
"Alle auf den Wagen, die mitwollen! Ich fahre euch noch ein Stück weit", sagte der Fuhrmann.
"Ihr habt ein gutes Herz", lobte ihn der Pfarrer.
Die Erwachsenen halfen den Kindern auf den Leiterwagen, wo sich alle ein Plätzchen suchten. Es war ziemlich eng, aber durch die Nähe spürten sie die Kälte weniger.
Dann nahm Josef Gruber ein Blatt Papier aus der Tasche und las im Schein einer Laterne die Namen der Kinder vor. "Wer seinen Namen hört, ruft hier!"
Achtzehn Kinder standen auf seiner Liste, achtzehn Kinder saßen auf dem Wagen.
Der Mesmer nickte zufrieden, stieg auf und setzte sich neben den Fuhrmann. Der Pfarrer sprach noch ein Gebet und segnete alle. Dann rief der Fuhrmann "Hü!", lockerte die Zügel und los ging's.
Die Kinder schauten zurück, einige winkten. Verzweifelte Rufe,  leises Schluchzen und lautes Weinen waren zu hören.
"Ich will nicht ins Schwabenland, ich will daheim bleiben!", nuschelte Toni. Er war mit seinen achteinhalb Jahren der Jüngste und Kleinste. Schon wollte er aufstehen und vom Wagen springen.
"Bleib sitzen!", sagte Anna, packte ihn am Arm und zog ihn zurück auf den Hintern. "Im Schwabenland ist es besser als daheim." Das sagte sie so laut, dass es alle hören konnten.
Josef Gruber drehte sich um und stimmte zu: "Anna hat Recht, und deshalb bleiben alle sitzen!"
Jakob saß zwischen Xaver und Kilian und hatte Annas Satz im Ohr: "Im Schwabenland ist es besser als daheim". Obwohl Xaver und andere ältere Kinder manchmal vom Schwabenland erzählt hatten, konnte er sich nicht so richtig vorstellen, was ihn dort erwartete. Und bis gestern hatte er sich darüber auch keine Gedanken gemacht. Eines war für Jakob allerdings klar: Wenn die Eltern ihn und Kilian ins Schwabenland schickten, musste es dort besser sein als daheim. Sonst hätten sie das doch nicht getan. Mit diesem Gedanken döste er ein.
"Aufwachen und absteigen!", rief Josef Gruber.
Die Kinder blinzelten im hellen Morgenlicht und gähnten. Einige begriffen nicht gleich, wo sie waren.
"Weiter kann ich nicht fahren", sagte der Fuhrmann. "Der Weg ist zu schmal. Jetzt müsst ihr zu Fuß weitergehen."
"Vergelt's Gott", sagte der Mesmer.
Die Kinder stiegen vom Wagen, schulterten ihre Rucksäcke und standen um ihn herum. Im Tageslicht sah Josef Gruber nun erst genauer, wen er dabei hatte. Zwei Buben und ein Mädchen waren kaum größer als Toni, der immer noch schniefte.
Ob die den Weg überhaupt schaffen?, fragte er sich. Es ist schlimm, dass man so kleine Kinder schon ins Schwabenland schickt. Wenn ich die nur nicht wieder mit heim nehmen muss.
...
Als sie aus einem Wald kamen, sahen sie in der Dämmerung die ersten Häuser von St. Gallenkirch.
"Gleich haben wir's geschafft!", rief Josef Gruber nach hinten, um die erschöpften Kinder zu einer letzten Anstrengung zu ermuntern.
Er marschierte voraus auf einen Bauernhof zu. Der Hofhund schoss aus seiner Hütte und zerrte laut bellend an der Kette. Wenig später öffnete sich die Haustür und ein Mann trat heraus. "Was ist los, Mohr?", fragte er und schaute sich um.
"Ich bin's, Schorsch!", rief Josef Gruber. "Der Gruber Sepp mit den Tiroler Kindern."
"Der Gruber Sepp", wiederholte der Bauer, der Schorsch Lechleitner hieß. Dann wandte er sich an den Hund: "Mohr, aus! Marsch in die Hütte!"
Der Hund zog den Schwanz ein und wich zurück, blieb aber leise knurrend vor der Hütte stehen.
"Kommt ruhig näher", rief der Bauer. "Der Mohr ist angebunden und kann euch nichts tun."
Die Männer begrüßten sich freundschaftlich, die Kinder schielten nach dem Hund, der noch immer knurrte.
"Wie viele hast du denn diesmal dabei?", fragte der Bauer.
"Achtzehn. Vierzehn Buben und vier Mädchen."
"Ein paar sind ja recht jung", bemerkte der Bauer und schüttelte den Kopf. "Dass die Eltern so kleine Kinder schon ins Schwabenland schicken, ist eine Schande und eine Sünde obendrein."
"Gern tun sie das bestimmt nicht, das kannst du mir glauben", erwiderte der Mesmer. "Aber die Umstände lassen ihnen keine Wahl."
"Die Umstände! Soll ich dir sagen, was daran schuld ist?", fragte Schorsch Lechleitner. "Wenn ich sieben, acht oder noch mehr Kinder hätte, würde es nie und nimmer für alle reichen und ich müsste ein paar ins Schwabenland schicken. Deswegen habe ich nur zwei, und für die reicht's. So einfach ist das."
"Ich weiß nicht ..."
"Aber ich weiß es!"
Josef Gruber wollte keinen Streit mit Schorsch Lechleitner und schwieg. Doch der redete weiter: "Solange die Pfaffen den Leuten erzählen, jedes Kind sei ein Geschenk Gottes, und ihnen predigen, seid fruchtbar und mehret euch, solange wird das Elend kein Ende nehmen. Die Leute sollten endlich ... " Er stockte und schaute zu den Kindern. "Ach was", sagte er, "die können ja nichts dafür, dass es so ist, wie es ist." Er rieb sich das Kinn. "Achtzehn hast du gesagt. Hm, das sind ein bisschen viel für die Stube. Aber in der Scheune frieren die armen Teufel weiter. Also los, kommt rein, es wird schon gehen."

 

 

 

2018  Manfred Mai