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Wunderbare Möglichkeiten

Leseprobe

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Auf in den Tag!

Maximilian liegt im Bett und würde sich am liebsten noch mal umdrehen. Aber dann käme in spätestens zwei Minuten seine Mutter herein und würde ihm die Decke wegziehen.
Weil er das nicht ausstehen kann, steht er auf, schlurft erst zur Toilette und dann ins Wohnzimmer, wo sein Handy liegt. Er darf es abends in sein Zimmer nicht mitnehmen und muss morgens erst mal checken, was es Neues gibt.
Nachdem er das getan hat, schlurft Maximilian weiter ins Bad und sieht im Spiegel ein zerknautschtes Gesicht mit kleinen Augen und wirren dunkelblonden Strubbelhaaren. Er streckt seinem Spiegelbild die Zunge raus. Dann füllt er den Zahnputzbecher mit Wasser und spült den Mund aus, um den Nachtgeschmack los zu werden.
»Maxi, beeil dich!«, ruft die Mutter.

Wie kann ich mich beeilen, wenn ich noch nicht mal richtig wach bin? Eigentlich liege ich noch im Bett. Es ist einfach unmenschlich, schon um halb sieben aus dem Schlaf gerissen zu werden! Das gehört per Gesetz verboten: kein Wecken vor neun! Wenn ich Gesetze machen dürfte, wäre das mein Erstes. Aber Gesetze dürfen nur die Erwachsenen machen. Das gehört auch verboten! Wird Zeit, dass wir Kids unsere eigenen Gesetze machen.

Maximilian tappt in die Wohnküche und setzt sich grußlos an seinen Platz.
»Guten Morgen!«, sagt die Mutter.
Er nuschelt etwas, das nicht zu verstehen ist.
In diesem Augenblick kommt Leonie in die Küche. »Guten Morgen«, sagt sie, und es klingt so, als würde sie sich freuen, dass ein neuer Tag beginnt.
Maximilian kann es kaum fassen, wie munter seine Schwester mitten in der Nacht ist. Denn so fühlt er sich noch immer.
Die Mutter schiebt ihm ein Honigbrot unter die Nase. Er isst es wie in Zeitlupe und trinkt den Kakao. Dann geht er wieder ins Bad und lässt das Wasser laufen, bis es kalt ist. Aus dem Spiegel schaut ihn immer noch ein verschlafenes Gesicht an. Maximilian atmet tief durch, bildet mit den Händen eine Mulde unter dem Strahl, hält die Luft an, beugt sich übers Waschbecken und schüttet sich das kalte Wasser ins Gesicht. »Puaaah!«, prustet er, schnappt nach Luft und wiederholt das Ganze. Dann schüttelt er sich wie ein Hund, dass die Tropfen fliegen.
»Geschafft«, sagt er zu sich im Spiegel. »Jetzt bin ich da.«
Als er eine Zahncremewurst auf die Zahnbürste drückt, wird die Tür geöffnet, und Leonie streckt den Kopf herein. »Hast du’s hinter dir?«, fragt sie.
»Danke der Nachfrage, große Schwester. Wie du siehst, weile ich inzwischen unter den Lebenden.«
»Spinner«, sagt sie. »Tschüss! Ich muss los, sonst verpasse ich den Bus.«
»Mögen die Götter dich begleiten und beschützen!«, ruft er ihr noch hinterher.
Weil Maximilian gern Bücher liest und Filme sieht, die in längst vergangenen Zeiten spielen, redet er manchmal so wie die Menschen früher. Solche Sätze aus dem Mund eines elfjährigen Jungen zu hören, verwirrt die Leute, zumal sie nicht in das Jahr 2016 passen.
Er putzt sich die Zähne und schafft es mit reichlich Wasser, etwas Gel und viel Mühe, seine Strubbelhaare einigermaßen zu bändigen.
»Auf in den Tag!«, sagt er zu seinem Spiegelbild. »Möge er dir Freude bereiten!«
Maximilian verlässt das Bad, nimmt seine Schultasche und verabschiedet sich mit den Worten: »Lebt wohl, liebe Mutter. Euer einziger Sohn muss nun in die weite Welt hinaus.«
Sie stutzt einen Moment. Dann schüttelt sie leicht den Kopf, wobei ein Lächeln über ihr Gesicht huscht. »Mach da draußen in der weiten Welt bitte keinen Blödsinn, mein lieber Sohn!«
Das kann ihr Maximilian aber nicht versprechen.

 

 

2018  Manfred Mai