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Geschichte der deutschen Literatur

Leseprobe

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Mit Götterkraft begabt

Die Vorherrschaft des Verstandes entsprach nicht der Auffassung, die viele, vor allem junge Menschen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vom Leben und Dichten hatten. "Wir sehen und fühlen kaum mehr, sondern denken und grübeln nur; wir dichten nicht über und in lebendiger Welt, im Sturm und im Zusammenströmen solcher Gegenstände, socher Empfindungen, sondern erkünsteln uns entweder Thema oder Art, das Thema zu behandeln, oder gar beides, und haben uns so lange, so oft, so von früh auf erkünstelt, daß uns freilich jetzt kaum eine freie Ausbildung mehr glücken würde; denn wie kann ein Lahmer gehen?" So fasste Johann Gottfried Herder den Zeitgeist in Worte. Er berief sich dabei auch auf den französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau, der in seinen Schriften den "unnatürlichen" Rationalismus kritisierte und "Zurück zur Natur!" forderte. Damit meinte er nicht die Menschen sollten sozusagen zurück auf die Bäume, wie ihm oft unterstellt wurde. Nach Rousseau hat die Kultur dem Menschen seine Natürlichkeit genommen, ihn selbstsüchtig und böse gemacht. Um wieder gut zu werden und im Einklang mit der Natur zu leben, muss er seinen Gefühlen und Instinkten mehr gehorchen als seinem Verstand.
Auf die Literatur übertragen bedeuteten diese Gedanken eine radikale Abkehr von der "Regelpoetik". Wahre Dichtung konnte nur aus den schöpferischen Kräften leidenschaftlicher Gefühle entstehen, die nicht von Regeln und angelerntem Wissen eingeengt wurden. Der schon von Lessing bewunderte Shakespeare verkörperte für Herder das neu Dichterideal vollkommen. In ihm sah Herder das Genie, das aus sich heraus die Menschen, das Leben, die Welt gleichsam neu erschafft; er sei "ein Sterblicher mit Götterkraft begabt".
Die "jungen Wilden" wollten beim Schreiben ausdrücken, was in ihnen rumorte, was sie beschäftigte und bedrängte. Deswegen nennt man diese kurze Epoche zwischen 1770 und 1785 "Sturm und Drang" (nach einem 1776 erschienenen gleichnamigen Drama von Friedrich Maximilian Klinger).

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Die Stürmer und Dränger dichteten aber nicht nur von der Natur und großen Gefühlen, sie klagten in ihren Texten auch das Unrecht im Land an und forderten mehr Rechte und Freiheit für die Menschen. Das war allerdings ziemlich riskant, weshalb der Schwabe Christian Friedrich Daniel Schubart in seiner Deutschen Chronik schrieb:"Glaubs wohl, Hunger, Schmach, öffentliche Schande erwarten den, der´s wagt, frey von der Brust zu schreiben." Wie Recht er mit dieser Prophezeiung hatte, musste er am eigenen Leib erfahren. Weil er in seinen Texten die Obrigkeit kritisierte, ließ ihn der württembergische Herzog Karl Eugen verhaften und ohne Gerichtsurteil für zehn Jahre in den Kerker werfen.
Auch ein junger Landsmann Schubarts wurde von dem Herzog in eine Art Gefängnis gesteckt: Friedrich Schiller (1759-1805). Gegen den Willen seiner Eltern, die ihren Sohn Theologie studieren lassen wollten, musste der begabte Friedrich die Hohe Karlsschule besuchen. In dieser berüchtigten Anstalt waren die Zöglinge weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Absoluter Gehorsam und militärischer Drill sollten jede Individualität ersticken und unterwürfige Staatsdiener hervorbringen.
Hier schrieb der junge Schiller heimlich und in ständiger Gefahr, erwischt zu werden, sein erstes Drama Die Räuber. Ein glühendes Verlangen nach Freiheit, Kraft und Größe spricht schon aus den ersten Sätzen Karl Moors: "Nein, ich mag nicht daran denken! Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus."
Die Uraufführung des Dramas in Mannheim am 13. Januar 1782 wurde ein sensationeller Erfolg. "Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebel eine neue Schöpfung hervorbricht", notierte ein Augenzeuge.

 

 

 

 

 

2018  Manfred Mai